Der polnische Künstler Wojciech Wilczyk, geboren 1961 in Krakau, fotografierte
in einer dreijährigen Recherche ehemalige Synagogen und private Gebetshäuser in
Polen. Herausgekommen ist dabei eine Dokumentation über Synagogen, die noch
existieren, aber nicht mehr den jüdischen Gemeinden gehören. Heute verfallen
die früheren Gebetshäusern oder werden anderweitig als Supermärkte, Wohnhäuser
oder Polizeiwachen genutzt. Die vorhandene Architektur wurde in den meisten
Fällen zerstört. Ornamente wurden abgeschlagen, Wände glatt geputzt und das
Innere der Synagogen einfach entfernt. Man hat schlicht alles ausgelöscht, was
an die frühere Nutzung erinnern könnte.
Wilczyk versucht mit sachlichem
Blick, Fotografien der Erinnerung der jeweiligen Orte festzuhalten. Ohne Pathos
und fernab jeglicher Postkartenästhetik dokumentiert Wilczyk historische
Gebäude, die nur scheinbar mit der heutigen Gesellschaft verbunden sind und
immer noch die Erinnerung an eine schwierige Vergangenheit wecken. Obwohl die
meisten europäischen Juden vor dem Holocaust in Polen lebten, ist das
Gedächtnis an die jüdische Tradition des Landes kaum mehr präsent. Wojciech
Wilczyk wollte dieser schleichenden Verdrängung durch seine Dokumentation
entgegenwirken. Sein melancholisch anmutendes Werk repräsentiert den Verlauf
der Geschichte, die an den Bauwerken deutlich wird. Die unterschiedliche
Nutzung der ehemaligen Gotteshäuser resultiert aber nicht nur aus der Geschichtsvergessenheit.
Die Situation der Nachkriegs- jahre führte dazu, Synagogen umzufunktionieren,
denn das jüdische Leben war durch Vernichtung und Emigration fast völlig zum
Erliegen gekommen.
Wojciech Wilczyk zählt zu einer Generation von Künstlern, die den Rahmen
des künstlerischen Diskurses in Polen
bestimmen. Neben seinen Kunstwerken und zahlreichen Veröffentlichungen nahm er
an Konferenzen und Ausstellungen in führenden polnischen Institutionen teil. Er
stellte die Verbindung zwischen den Generationen von Dokumentarfotografen her und
gründete auch selbst eine Gruppe von Fotorealisten.
Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen neben 20 Arbeiten eine Projektion mit
allen 310 Fotografien von Synagogenbauten in Polen. Nach Christian Tomaszewski
im Jahr 2006 ist Wojciech Wilczyk der zweite
zeitgenössische Künstler aus Polen, der in den Räumen der Kunstsammlungen
Chemnitz präsentiert wird. Die
Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museum Atlas Sztuki, Łódź, der
polnischen Partnerstadt von Chemnitz.